· Philologenverband besorgt über schwaches Abschneiden Baden-Württembergs bei neuer Bildungsstudie
· Forderung nach verbindlicher Grundschulempfehlung und einer Wahlfreiheit zwischen G8 und G9

 

Zu den heute veröffentlichten Ergebnissen des IQB-Bildungstrends 2018 in Mathematik und Naturwissenschaften nimmt der Philologenverband Baden-Württemberg wie folgt Stellung:

Vorbei die Zeiten, in denen Baden-Württemberg in den Bildungsstudien zusammen mit Bayern und Sachsen das „ewige” Spitzen-Trio bildete! Wie vor drei Jahren erreicht der Südwesten auch dieses Mal nur knapp ein durchschnittliches Ergebnis beim IQB-Bildungstrend. „Ein Resultat, mit dem wir absolut nicht zufrieden sein können und dürfen“, kommentiert der PhV-Landesvorsitzende Ralf Scholl. Baden-Württemberg als Land mit vielen unbekannten Weltmarktführern („hidden champions“) sei darauf angewiesen, im Bildungsbereich spitze zu sein, um auf Dauer seine Wettbewerbsfähigkeit und seinen Wohlstand zu erhalten. „Durchschnitt ist keine Voraussetzung für Weltspitze“, so Ralf Scholl.

Die Gretchen-Fragen lauten natürlich: Was läuft in den Ländern, die an der Spitze stehen, anders? Und was kann bzw. muss in Baden-Württemberg kurz- und langfristig unternommen werden, um das Bildungsniveau zu erhöhen?

Kurzfristig sollte nach Überzeugung von Ralf Scholl eine Rückkehr zur verbindlichen Grundschulempfehlung erfolgen. „Sowohl in Bayern wie auch in Sachsen und Thüringen ist die Grundschulempfehlung verbindlich - wie auch in Baden-Württemberg bis 2011“, erklärt der PhV-Landesvorsitzende. In diesen drei Bundesländern seien die bei der Grundschulempfehlung angewandten Kriterien sogar härter, als sie es in Baden-Württemberg jemals waren. „Nach der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung in Baden-Württemberg im Jahr 2012 gingen die baden-württembergischen Ergebnisse deutlich in den Keller - und das stimmt mit den Erfahrungen der Lehrkräfte überein“, betont Ralf Scholl. Sowohl an den Realschulen wie an den Gymnasien klagten die Lehrer über das deutlich gesunkene Niveau in der Unter- und Mittelstufe, müssten sie doch Rücksicht auf die (zu) vielen leistungsschwächeren Schüler nehmen, die von überambitionierten Eltern auf eine für sie falsche Schulart geschickt wurden. Auch für die betroffenen Kinder sei es enorm problematisch, wenn sie in der Schule dauerhaft überfordert seien und ständig Misserfolge erleben müssten. „Ist es purer Zufall, dass genau die drei Bundesländer, die den Übergang auf die weiterführenden Schulen nach Klasse 4 verbindlich regeln, im Bundesvergleich in Mathematik die besten Ergebnisse erzielen? — Wohl kaum!“, so das Fazit von Ralf Scholl. Für ihn steht daher fest: „Die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung in Klasse 4 wäre ein Schritt, von dem man sich innerhalb relativ kurzer Zeit und ohne großen Aufwand deutliche Verbesserungen erhoffen kann.“

Mittelfristig plädiert der Philologenverband für eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9. „Eine höhere Qualität in der Bildung kann nur mit mehr Zeit zum Lernen erreicht werden“, ist der PhV-Landesvorsitzende überzeugt. Daher solle jedem Gymnasium die Möglichkeit gegeben werden, auch ein neunjähriges Angebot zu machen.

Überprüft werden soll nach Ansicht des Verbands der Gymnasiallehrkräfte mittelfristig die gesamte inhaltsarme Kompetenzorientierung. „Die Anforderungen der Bildungspläne müssen wieder auf ein Niveau angehoben werden, das in den Bildungsplänen von 1994 (G9) bzw. 1999 (G8) gefordert wurde“, fordert Ralf Scholl. „Wenn man die Inhalte eines halben Schuljahres streicht, darf man sich nicht wundern, wenn der in der Schule vermittelte Wissensstand abnimmt.“

Als ein längerfristiges Instrument schwebt dem PhV-Landesvorsitzenden vor, die Übergangsentscheidung von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen auf drei Säulen zu stellen: Neben der Empfehlung durch die Grundschullehrkräfte und dem Elternwillen soll in Klasse 4 mit jedem Schüler eine Potenzialanalyse nach objektiven, wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt werden. Soll ein Kind z.B. auf das Gymnasium gehen, müssen mindestens zwei dieser drei Instrumente ein entsprechendes Votum aussprechen. „Dies würde die Entscheidung über die Schullaufbahn eines Kindes nach der Grundschule auf eine breitere und fundiertere Basis stellen und jedem Schüler einen Weg in die für ihn zu diesem Zeitpunkt am besten passende Schulart bahnen“, meint Ralf Scholl. Ergänzt werden sollte dieses Übergangsverfahren zudem durch ein Probehalbjahr in der weiterführenden Schule. „Damit soll bereits im ersten Halbjahr in Klasse 5 in Erfahrung gebracht werden, ob ein Schüler tatsächlich für die gewählte Schulart hinreichend begabt, geeignet und motiviert ist“, so der PhV-Landesvorsitzende.

* * *

An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden über 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit rund 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.

Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der ca. 30.000 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.